06.10.2011: Nutzungskonkurrenz bei Agrarrohstoffen trifft Backzutatenbranche hart


06.10.2011: Nutzungskonkurrenz bei Agrarrohstoffen trifft Backzutatenbranche hart


Dramatische Situation am Rohstoffmarkt bringt Hersteller zunehmend in Bedrängnis

Berlin, 06.10.2011. Seit Monaten bereits betrachten die Mitglieder des Backzutatenverbands mit größter Sorge die enormen Preissteigerungen bei verschiedenen Rohstoffen auf dem Weltmarkt.

Doch nun sehen sie sich zusätzlich zum ersten Mal in der Geschichte der Branche einer Verknappungssituation bei einem der wichtigsten Rohstoffe für Brötchenbackmittel ausgesetzt, die in ihren künftigen Ausmaßen noch gar nicht absehbar ist.

Die Rede ist von Guarkernmehl, E 412. Der in allen marktgängigen Backmitteln für Brötchen enthaltene Rohstoff hat in den letzten Monaten eine überaus steile Preisrallye hingelegt. So lag der Preis für eine Tonne Guarkernmehl Anfang 2010 noch bei unter 1.500 US Dollar. Ende des 1. Quartals 2011 erreichte der Preis für Guarkernmehl bereits 2.500 US Dollar/Tonne und liegt heute aktuell bei über 5.000 US Dollar/Tonne – trotz sehr guter Ernteergebnisse in den Ursprungsländern.

 

Öl- und Gasindustrie sorgt für Verknappung

Grund hierfür ist vor allem, dass der Stoff bei der Erschließung sogenannter alternativer fossiler Energievorkommen (Öl- oder Erdgasförderung unter Nutzung horizontaler Bohrungen) eingesetzt wird. Damit steht die Backzutatenbranche hinsichtlich dieses Stoffes in direkter Nutzungskonkurrenz zur Erdöl- und Gas-gewinnenden Industrie. Eine missliche Situation, die jetzt erstmals dazu geführt hat, dass die Lieferanten die Backzutatenhersteller teils gar nicht mehr kontraktgemäß beliefern können.

Denn der Markt wird von der Öl- und Gasindustrie leergefegt. Und bei den gegenwärtigen Energiepreisen sind die Explorationsunternehmen offensichtlich bereit, einen hohen Preis für den Rohstoff Guar zu zahlen. Die Ausbeutung alternativer Quellen lohnt sich inzwischen gegen-über der konventionellen Förderung.

 

Konkurrenz treibt Preise in die Höhe

Bereits seit Jahren prangern die im Lebensmittelforum vereinigten Verbände der Nahrungsmittelwirtschaft die Konkurrenz zwischen Ernährungs- und Energienutzung von Rohstoffen an, die die Preise treibt und die Versorgung der Bevölkerung mit erschwinglichen Nahrungsmitteln erschwert. Ging es dabei bislang vorrangig um den subventionierten Anbau von für die “regenerative Energiegewinnung” bestimmten Pflanzen (z.B. Mais für die Biovergasung) auf landwirtschaftlichen Flächen, so ist es diesmal die Mineralölindustrie, die die Versorgung mit einem Lebensmittel durch Leerkaufen des Marktes unterbindet.

Doch was sind die Konsequenzen? “Hier gelten die Marktgesetze”, so Christof Crone, Geschäftsführer des Backzutatenverbandes: “Verknappt sich ein Gut, steigt sein Preis – und damit wird nicht nur die Marge bei den Verarbeitern enger, sondern irgendwann muss jeder Unternehmer das tun, was seine Pflicht ist, um sein Unternehmen wirtschaftlich zu führen: Die Zeche für die Rohstoffverknappung wird letztendlich der Endverbraucher zahlen, denn Preissteigerungen innerhalb der gesamten Verarbeitungskette sind die unausweichliche Folge einer solchen Situation.”

 

Keine Lösung in Sicht

“Dagegen ist bislang kein Kraut gewachsen”, so Crone weiter. “Denn auf einem freien Markt wird es kaum einen schnellen Weg geben, den Konflikt zwischen den verschiedenen Nutzungsarten aufzulösen. Die Menschen in unserer Gesellschaft sind die Mobilität, die ihnen Kraftfahrzeuge bieten, gewöhnt. Das werden sie kaum aufgeben wollen. Zudem steigt der Energieverbrauch der Schwellenländer weiterhin kontinuierlich. Ein bedrohliches Szenario tut sich da auf, wenn man die Zukunft blickt. Offenbar wird sich die Bevölkerung zunehmend daran gewöhnen müssen, für Lebensmittel tiefer in die Tasche zu greifen. Das ist ganz schön bitter, wenn man darüber nachdenkt.”

Eine Lösung indes hat er nicht parat. “Wir stehen erst am Anfang einer unaufhaltsamen Preisspirale bei vielen Rohstoffen”, ist er sich hingegen sicher. “Guar macht da wohl leider erst den Anfang”.

Auch die Entwicklung auf dem Zuckermarkt, über die in den vergangenen Wochen weit mehr in Publikums- und Fachmedien berichtet worden ist, sorgt nicht für Begeisterung bei den Unternehmern.

 

Einsatzgebiete für Guarkernmehl

Guarkernmehl findet in der Lebensmittelindustrie breite Verwendung als Verdickungsmittel und Stabilisator. Eines der Haupteinsatzgebiete sind Backmittel und Backgrundstoffe und hier vor allem Brötchenbackmittel. Der Zusatz von Guarkernmehl ergibt trockene, nicht klebende Teige und verbessert so die Verarbeitbarkeit der Teige. Guarkernmehl kann sehr große Wassermengen binden (“Hydrokolloid”). Wegen seiner besonderen funktionellen Eigenschaften ist es schwierig, Alternativen für Guarkernmehl zu finden.

Neben dem Einsatz in der Lebensmittelindustrie findet Guarkernmehl auch bei technischen Prozessen wie in der Papier- und Erdölindustrie Verwendung. Der hohe Erdölpreis hat zur Entwicklung neuer Fördertechnologien geführt (horizontale Rohstofförderung). Diese Technologie kommt bislang hauptsächlich in den USA und teilweise in Russland zum Einsatz. Doch auch in Europa sind Probebohrungen bereits in der Diskussion.

Guarkernmehl wird nach Abtrennung der äußeren Schichten aus den Samen der Guarbohne gewonnen. Die Guarbohne (Cyamopsis tetragonaloba) ist eine Hülsenfrucht (Leguminose). Hauptanbaugebiete sind Indien und Pakistan.

Das Guarkernmehl besteht hauptsächlich (ca. 75%) aus dem Polysaccarid Galaktomannan.

In der EU ist Guarkernmehl als Zusatzstoff (E 412) für Lebensmittel allgemein zugelassen.


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